SEBASTIAN LOHSE "in medias res" (Chanson Folk)
(Tracks united/Metropol)

Es gibt Musik, welche komplett an unserem Magazin und gleichzeitig komplett an den sozialisierten Ohren der Jugend vorbeigehen. SEBASTIAN LOHSE, der Ex-Sänger von LETZTE INSTANZ, würde die Besucher eines Liederabends mit Tim Fischer, Klaus Hoffmann und Reinhard Mey ohne Kulturschock nach Hause gehen lassen.

Eingebettet in einen minimalistisch wirkenden Orchesterreigen begeistert Sebastian mit einer galanten Sprachgewandtheit. Schnörkellos lässt er seine Sprache dem Diktat einer besonderen Erzählkunst opfern. Kommt dabei zu gar abwegigen Beschreibungen bekannter Realität ("ich hab sie gespeert"). Dazwischen mimt Sebastian immer wieder den Minnesänger und fühlt sich wohl in einer musikalischen Umgebung, welche des Öfteren eher dezent instrumentiert ist, auch wenn das Gesamtkonstrukt durchaus orchestrale Züge aufweist. Wer weder Tim Fischer noch frühe Singer/Songwriter in seiner Ungebung zulässt, wird hier schwer Zugang finden. Evtl. kann sich noch jemand an die musikalische Anfänge von Eric Fish erinnern. Im Endeffekt benutzt Sebastian die galante Leichtigkeit eines Straßenmusikanten und verfeinert es mit einer betörenden Stimme und einer Betörtheit, die ihres Gleichen sucht. Sebastian versteht es in tragisch erzählten Geschichten sowohl den lachenden Clown, wie auch den weinenden Clown imaginär erscheinen zu lassen. Seine in sich stimmigen Kleinode der Gesangeskunst sind augenzwinkernde Hinweise auf aktuelle Problematiken. Auch wenn im Gesamtbild ein zwischenmenschliches Konstrukt die Grundform beherrschen könnte.

Vor ca. 10 Jahren hab ich in einem dritten Programm einen der ersten Auftritte von Tim Fischer gesehen. Begleitet von Klavier erzählte ein Mensch Alltagsgeschichten, in einer Form, wie kaum vorher gehört. Es war diese Art von Sprache, es war diese Art von musikalischer Begleitung, welche mich faszinierte. Sebastian gelingt es, in diese in Deutschland verkannte Hierarchie des Chansons einzudringen, und ich würde hier sogar von beherrschen sprechen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es in Deutschland kaum einen Künstler gibt, welcher sich in diesem Metier auskennt. Hinzu kommt ein beachtliches Selbstbewusstsein, eine musikalische und erzählerische Dissonanz zu aktuellen Strömungen.

In Form und Ausdruck ist dieses Werk grandios und ganz nebenbei wird deutlich, dass man Gesang früher (bevor Hauptschulabbrecher den HipHop erfanden) auch mal dezent als Waffe benutzen konnte. Derartige Waffen verzichten auch heute auf martialische Komponenten, jedenfalls bei der hier kunstvoll dargebotenen Variante deutscher Gesangeskunst.

Fazit: Derartige Musik, derartiger Gesang, derartige Texte werden leider nie dem MTViva Konsumenten erreichen und in letzter Konsequenz ist diese Art von Musik eine Perle, welche selbst noch ihre Säue sucht. www.sebastianlohse.dewww.myspace.com/sebastianlohse (andreas)


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