SAMSAS TRAUM "Utopia" (Gothic) (Trisol/EFA) Zum dritten mal verführt uns Alexander Kaschke in eine Traumwelt. Und diese Träumereien beginnen nicht beim Hören der CD, nein schon vorher, beim Öffnen der Plastikhülle. Pergament, Pappe versehen mit wunderschönen Bildern in hervorragender Aufmachung, lassen ein Gefühl entstehen, welches man nur beim früheren Vinyl empfand. Da es auch musikalisch auf dem gleichen Niveau weiter geht, liegt hier ein Album vor, welches auf dem bunt geschmückten Altar des Gothics noch für einen Lichtblick sorgt. Ein Intro, welches an bekannte Horrorfilme erinnert, dient als Einleitung für ein düster, orchestrales Werk, welches auch gesanglich immer auf einer Woge der Eleganz schwimmt. Lydia Budnick besitzt dieses naiv erotische Feeling, welches selbst Casanova in die horizontale versetzen würde. Der tief düstere männliche Gesang von Mastermind Alexander treibt sie sogleich aus den Armen des Amen in seine hinein. Im Duett geben sie perfekte Weisen der Dunkelheit zum Besten. Tiefgreifende Melancholie und ein Hauch von morbider Schönheit bestimmen die Songs von Samsas Traum. Im zweigeteilten Titelsong scheint sogar ein altes Kinderlied (musikalisch) Pate gestanden zu haben. Die schleppende Entwicklung der Melodie wird zu einer wahren Melodie-Orgie im Refrain. Der scharfe Gesang vertreibt nur dezent die harmonischen Sequenzen. In "Scherenschnitt" bestimmen die betörenden, weiblichen Vocals zunächst die Szenerie. Nur dezent wird diese Stimmung von Alexanders Organ durchkreuzt. Der im folgenden "Phantasia, lieb phantasia" seine Stimme in krankhafter Weise über die Orchestrale Ausstrahlung stellt. Das eingestreute Lachen und ein finsteres Zwischenspiel sorgen für eine dunkle Atmosphäre, bevor man sich wieder einem wilden Harmoniebogen hingebt. Die dezent eingestreuten Tempowechsel sind typisch für die Band, halt wie ein durcheinander im Traum. Ein düsteres Erzeugnis der melancholischen Harmonie liefert das balladeske "ach Schwesterlein im Eispalast". Aber es ist nur die Ruhe vor dem Sturm, denn dieses Lied entwickelt sich zum schnellen Gothic Rock Song mit verspielter Melodie. In Form ein "Gothic Oper"spielt Alexander auch mal mit Hip Hop Elementen und New Metal Einflüssen in "mein großer Scharlatan". Eingestreute Sprachsamples unterstützen den aggressiven Gesangsstil. Lieblich, verworren gibt man sich in "der Triumph des Herzens". Im Erzählstil versetzt man den Hörer in ein leeres Zimmer des Nachdenkens, in dem man schwankend einer Geschichte lauscht. Dieses Album bietet melancholischen Hörgenuss auf höchstem Niveau. Stets noch den Pfad des Kitsch umkurvend verschafft dieses Werk ein Gefühl der Geborgenheit. Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Alexanders Liebe für die 80er in der teils fiesen, teils huldigenden Version von Peter Schillings "Terra Titanic" gipfelt. Die Arschbombe des Monats im Rock Hard ist sicher. Und dies ist mittlerweile ein Qualitätsbeweis für dunkle Seelen. Klasse Album! (andreas) |